Reihe "40 Jahre 68"

"Rudi Dutschke – Staatsfeind Nr. 1"

Bild-Schlagzeile vom 11. April 1968, dem Tag des Attentats
Jörn Schulz: Axel jagt die Affen, jungle world 51/2009

Video: Die 68erinnen – Rebellische Frauen und Politik als Männersache

Reihe: "40 Jahre 68"/ Auf den Spuren der Revolte, Essen, März 2008
Ein fulminanter Ritt durch 40 Jahre Frauenbewegung inkl. Wendungen und Lehren für heute. Flash-Video (siehe auch den Bericht zur Veranstaltung)
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Alte Linke – Neue Linke? Die sozialen Kämpfe der 1968er Jahre in der Diskussion

NeueLinkeIn den 1968er Jahren glaubten viele, nicht nur Studierende, dass eine andere Welt möglich sei. Und sie war möglich, diese Welt ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Ungleichheit. Denn in den sozialen Kämpfen protestierten die Menschen nicht nur gegen das Elend der Welt, sie begannen auch, andere Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Praxis zu erproben.
Inhalt & komplettes Buch als pdf hier

Reaktionen, Diskussion und Hinweise: http://twitter.com/68er_buch
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Linke Drogenpolitik nach 1968

Bericht der beiden Seminare „Substanzverbot & Subkultur“ mit Lars Quadfasel - am 18.03.08 in Bochum und am 11.10.08 in Aachen von Bernd Barenberg

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Massenproduktion Anfang der 60er und der damit einhergehenden Orientierung an Arbeiter_innen als Konsumten_innen bekam auch der Drogenkonsum eine andere Bedeutung. Der arbeitende Mensch Anfang der 60er Jahre war in den Industrieländern zunehmend zerrissen zwischen den widersprüchlichen Anforderungen des fordistischen Akkumulationsregimes. Nüchterner funktionierender Arbeiter einerseits und hedonistischen Konsument_innen anderseits: ‚Entdecke dich selbst’ in der bunten Warenwelt!
Bewusstseinsverändernde Substanzen versprachen das Glücksversprechen des sozialstaatlichen Kapitalismus sofort einzulösen – hier & jetzt. Neben die Bier trinkenden ‚Malocher’ traten zunehmend die Haschisch rauchenden Student_innen und die mit LSD experimentierenden Intellektuellen.

"Haschisch, Speed und Heroin für ein freies West-Berlin"
– zweierlei Drogenfetisch


Ob in Ablehnung oder Verherrlichung, den meisten (linken) Positionen war - und ist - ein gewisser Drogenfetischismus gemeinsam – dies ist der gemeinsame Nenner des 72er-konkret-Kongresses „Sucht ist Flucht“ und Baumanns ‚Haschrebellen’.
Während die einen argumentieren, die Drogen hielten die Arbeiterklasse von der Revolution ab, glauben die anderen durch Substanzgebrauch zum ‚wahren Selbst’ zu finden.
Und diese beiden linken Reaktionsmuster finden sich auch heute noch wieder. Es gibt sie, die bürgerlichen Verbotsdrohungen noch übertreffenden orthodox-kommunistischen Organisationen in ihrem Glauben an eine ‚nüchterne Arbeiterklasse’, die nur manipuliert würde. Oder ein Christian Rätsch mit seinem sehr deutschen Weg ‚zurück zu den Wurzeln’ mithilfe nordischer Naturdrogen.

Statt Substanzwirkungen also in ihrem soziokulturellen Definitionsrahmen zu verstehen, wird ihnen als Substanz eine Wirkung zugeschrieben, die sie ohne ein bestimmtes (unterdrücktes, kämpfendes, träumendes) spezifisch gesellschaftliches Handeln so nicht hätten! Die Anlehnung am Marxschen Fetisch-Begriff bietet sich hier also an. Die soziale Schicht, oder Klassenlage, des Drogen-Konsumenten etwa wirkt sich bis heute stark auf die – bisweilen verheerende – Drogenwirkung aus.
Wo sich am unteren Rand der Gesellschaft schon mal die Konsummotivation auch bis ins suizidale verschiebt, feiert die Oberschicht sich in einem real gewordenen Kokstraum.
Insofern müsste von „Drogenverbots-Toten“ gesprochen werden. Statt dem besorgt repressiven Diskurs wäre also Substanzinformation und medizinische Hilfe nötig. Ganz abgesehen natürlich von der Überwindung der materiellen … der je erlebten Irrfahrten ins Innere des Zeitgeistes.

Das Hustenmedikament Heroin „wird hervorragend am Markt angenommen“

Geschichtlich wurde ein Bogen gespannt vom 19. Jh., dem „Sanktions-Imperialismus“ der USA , etwa dem Drogenverbot in Deutschland als Teil des Versailler Vertrags, und der erfolgreichen Produktlinie Bayers, vom „Opiumgesetz“ bis zum heutigen ‚Betäubungsmittelgesetz’ (BtmG) und der psychiatrischen Kontinuität des Wegsperrens bis in die 50er und 60er Jahre hinein.

Unter den liberalen Tendenzen der 60er Jahre, in subkultureller Verweigerungshaltung und hedonistischem Massenkonsum „wurden Drogen langsam zum Problem“. Ende der 60er erscheinen erste Zeitungsartikel zum „Drogenproblem“, erste Sondereinheiten der Polizei werden eingerichtet.

Die Devise der Drogenpolitik der 70er Jahre bis heute lautet ‚Therapie statt Strafe’. Nicht das absolute Verbot ist angesagt, sondern das ‚rechte Maß’, Christiane F.’ wird zum – nicht zufällig weiblichen – Opferbild das Mitleid erweckt und die Feindbilder sind nicht selten rassistisch konnotiert. Wie noch vor einigen Jahren in Hamburg bei der rechtspopulistischen Schill-Partei.

Unter neo-liberalen Vorzeichen einer ökonomisch produktiven Selbstverwaltung „interessiert der eigene Körper nur, wenn er stört“: Seine Bedürfnisse sollen durchaus befriedigt werden, aber nur solange es Arbeitsprozess nicht behindert. Mit dieser widersprüchlichen Anforderung an die zum Konsum gezwungene Arbeiterin sind immer jüngere Menschen konfrontiert. Die gleichzeitig eine zutiefst verlogene und in kindlicher Naivität dösende Erwachsenenwelt erleben.

Sei cool, sei erfolgreich! Keine Party verpassen, und engagiert im Job. Abends kiffen zur Entspannung, morgens Kaffee oder Speed zum wach werden; Koks für den Erfolg und am Wochenende auch mal LSD zur Selbstfindung. Und das Ganze gibt’s für den gesetzestreuen Mitbürger auch auf Rezept: von Valium, über Ritalin, Antidepressiva oder was gegen Müdigkeit und das Magengeschwür? Und wenn es keine Drogen sind, dann lauert der ‚unmäßige’ Konsum überall: sexsüchtig, fernsehsüchtig, spielsüchtig. Politik, Karriere oder Extremsport? Aber nicht übertreiben!

"Drogenverbote sind nur ein Beispiel für das Misstrauen gegenüber dem Leben als Exzess."
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Mexico 1968

Eindrücke vom 'Memorial del 68'




Olympia Mexico 1968


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1968 – die unverstandene Weichenstellung

bollingerVon Stefan Bollinger
Reihe: Texte der Rosa-Luxemburg-Stiftung; Bd. 44
144 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-320-02138-2


als pdf [538 KB] zum Download
Mehr zum Inhalt

Das Jahr ‘68 ist zwar von Deutungen und Deutern okkupiert, das Phänomen 1968 sei jedoch erledigt, die Akteure erwachsen und geläutert. Bestenfalls tauge das Jahr ‘68 zur Erinnerung und eigentlich zur Abschreckung, wohin auch im Westen Utopien führen können – zu Gewalt und Terror. Im Osten kannte man es seit 1917 ja sowieso nicht anders.
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vergangene Veranstaltungen der AG68 in NRW

19.08., Dortmund:
Politische Lyrik in und um 68

16.09.08, Bochum:
Wir wollen alles! - 68 in Italien

24.09., Essen:
Zappa, Zoff und Zwischentöne - Die Essener Songtage 1968

02.10., Bochum:
Bewegung transnational:
Der 2. Oktober 1968 in Mexico und die Bewegung der Zapatisten


11.10.08, Aachen:

Von den 'psychedelic 60s' zur Debatte um die Drogenlegalisierung heute

15.10., Essen
„68 a la Turka“ - Die vergessene Geschichte der Linken in der Türkei

24.10. - 26.10., Münster
Woody-Guthrie-Festival Münster: Die 68er und das politische Lied

18.11., Bochum
Vergessene Proteste - Internationalismus und Antirassismus

18.11., Düsseldorf
Besetze deine Stadt! - Häuserkämpfe und Stadtentwicklung

weitere Veranstaltungen bundesweit:
http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=15520
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Bericht: Katakombensozialismus - Der SDS an den westdeutschen Hochschulen vor „68“

Auf Einladung der Bochumer Hochschulgruppe des globalisierungskritischen Netzwerks Attac referierte der Düsseldorfer Historiker Thorsten Koska in den Räumlichkeiten der evangelischen StudentInnengemeinde Bochum über einen bislang in der Befassung mit dem 40. Jahrestag der „Studentenrevolte 1968“ wenig beachteten Aspekt: Die völlige Marginalisierung linker Positionen an westdeutschen Hochschulen und in der Gesamtgesellschaft bis Mitte der 60er Jahre. Entsprechend legte er den Schwerpunkt weniger auf die vom SDS vertretenen Positionen als vielmehr auf sein Selbstverständnis und die Aktionsformen, die es dem SDS ermöglichten, Kern einer relevanten Bewegung zu werden.
Die Veranstaltung wurde unterstützt von der Rosa Luxemburg Stiftung NRW.

Einleitend gab Thorsten Koska, selbst langjähriger Aktivist im AStA der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, einen Einblick in die Entstehung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS).

Der Bruch mit der SPD

Die SPD schuf sich 1946 durch Beschluss des Parteivorstands als erste Partei einen eigenen StudentInnenverband. Der neugegründete SDS war zwar „breit angelegt“ und stand auch StudentInnen, die sich links von der SPD verorteten, offen, doch verstanden sich die meisten Mitglieder als SozialdemokratInnen. Bereits 1947 erklärte der SDS die Mitgliedschaft in seinen Reihen mit der in der Kommunistischen Partei (KPD) für unvereinbar. Im Jahre 1952 erteilten programmatische Verbandsbeschlüsse marxistischen Begrifflichkeiten eine Absage. Vor dem Hintergrund der Entstehung neuer marxistischer Strömungen („ Neue Linke“) in Frankreich und Großbritannien nahmen jedoch auch die Spannungen zwischen dem SDS und seiner Mutterpartei zu. Die SPD begann, parallel zum SDS einen weiteren StudentInnenverband, den Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) aufzubauen und nahm schließlich vereinzelte Treffen des SDS mit VertreterInnen der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zum Anlass, um die Mitgliedschaft im SDS aufgrund angeblicher kommunistischer Unterwanderung für nicht Vereinbar mit der Mitgliedschaft in der SPD zu erklären. Auch die Mitglieder des SDS-Fördervereins Sozialistische Fördergesellschaft waren von dem Beschluss betroffen. Der Marburger Politologe Wolfgang Abendroth war wohl der prominenteste der aus der SPD ausgeschlossenen Mitgliedern der Fördergesellschaft.

Bedingungen des Aufbruchs

Anfang der 60er Jahre schien das politische Gefüge der BRD für die Ewigkeit alternativlos: Seit die SPD mit ihrem Godesberger Programm die „soziale Marktwirtschaft“ als Ziel angenommen hatte und die KPD verboten worden war, schien klar, dass die Kombination aus Nationalismus und Westorientierung die 60er Jahre bestimmen würde. Offen schien allein die Frage, wie die NS-Vergangenheit in diese Kombination eingefügt werden könnte; durch „Aufarbeitung“ oder durch einen „Schlussstrich“. Des weiteren bestand offensichtlich Handlungsbedarf im Bereich des Bildungswesens und der Hochschulen. Die entgegen alliierter Anregungen und ungeachtet ihrer Rolle im NS nach wilhelminischem Modell restaurierten Hochschulstrukturen scheiterten gerade an den Aufgaben Reform und Bildungsexpansion. In den StudentInnenschaften dominierten nach wie vor traditionelleStudentenverbindungen.

Strategien des SDS

Die Verstoßung von Seiten der Mutterpartei erwies sich für den SDS als Glück, er ermöglichte die Strategien, welche ihn im Verlauf der 60er zum Kern einer Bewegung machten.
Zum einen ermöglichte er eine aktive Bündnispolitik Mit den Studierendenverbänden der FDP (Liberale Studenten Deutschlands, LSD) und der Humanistischen Union und selbst dem eigenen Nachfolger als SPD-StudentInnenverband SHB wurde vertraglich vereinbart, gemeinsame Materialien herauszugeben und gemeinsam zu StudentInnenschaftswahlen anzutreten. Im Dezember 1964 erreichte ein solches Bündnis erstmals eine Mehrheit bei den StudentInnenschaftswahlen an der Freien Universität Berlin. Die entfallenen finanziellen Zuwendungen und Anbindung an die traditionelle ArbeiterInnenbewegung ließen sich durch Bündnisse mit DGB-Gewerkschaften, allen voran die Industriegewerkschaften Metall und Chemie kompensieren. Insbesondere Aktive in den unteren Stufen der Gewerkschaftshierarchie („an der Basis“, T. Koska) hatten Interesse an solchen Bündnissen. Der gegenseitige Nutzen ergab sich dabei, vereinfacht gesagt, aus dem Tausch Wissen gegen Material bzw. Ressourcen. An der Spitze der Gewerkschaftshierarchien arbeiteten der SDS und seine verbündeten StudentInnenverbände gemeinsam mit Professoren (Professorinnen?) gegen 'Aufrüstung und Notstandsgesetze.

Erfolgreiche Interventionen

Um Wissen gegen Support eintauschen zu können, musste natürlich erst einmal Wissen erworben werden. Der SDS verstand sich selbst als Bildungsbewegung, der keine Praxis ohne Nachdenken zulassen wollte. In der Praxis bedeutete dies wenig spektakulär, in Seminaren und Arbeitskreisen
sowie in der zweimonatlich erscheinenden Verbandszeitschrift Neue Kritik zu Lesen, zu Schreiben und zu Diskutieren. Diese Debatten führten nie zu einem kohärenten Programm, erwiesen sich aber – dessen ungeachtet oder gerade deswegen? - als fruchtbar. Mindestens zwei mal gelang es dem SDS, erfolgreich in das öffentliche Gespräch einzugreifen:
Anfang der sechziger Jahre, von 1959-1962 informierte eine von SDS auf Grundlage eigener Archivrecherchen in Berlin (Hauptstadt der DDR) erstellte Wanderausstellung über „Ungesühnte NS-Justiz“. Nicht nur die über Jahre andauernde Nachfrage belegt dabei das öffentliche Interesse an der Ausstellung sondern auch der Umstand, dass der GBA Kontakt zu den AusstellungsmacherInnen aufnahm.
Mitte der 60er Jahre gelang es dem SDS, mit der Broschüre „Hochschule in der Demokratie“ ein Konzept für die Reform des Hochschulwesens vorzulegen, dass in mehrfacher Hinsicht (Studienfinanzierung, Hochschulstruktur) von den regierenden Parteien aufgegriffen wurde

Schwachpunkte

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre nahm die verbandsinterne Kritik an den beschriebenen Strategien zu. Die ständig stärker werdende antiautoritäre SDS-Strömung sah in der Bündnispolitik vor allem eine Einschränkung von Spielräumen, zumal die Bündnisse in der Regel von den jeweiligen Verbandsspitzen vereinbart wurden. Ab 1976 setzte diese Strömung sich durch, in der Folge wurden Aktionen wichtiger als Reflexionen. Ungeachtet des daraus zunehmenden Medieninteresses und anhaltender Wahlerfolge in den StudentInnenschaften zerfiel der SDS.

Was lehrt uns das?

In der Anschließenden Diskussion gelangten die TeilnehmerInnen zu der Auffassung, dass gerade der Bruch mit der Mutterpartei dem SDS die Spielräume in Bezug auf Bündnispolitik und Meinungsbildung eröffneten, welche die späteren Erfolge des Verbandes ermöglichten.

Als Lücke wurde von den TeilnehmerInnen die bislang fehlende Befassung mit den Verbündeten des SDS erkannt. Über die Humanistische Union an den westdeutschen Hochschulen oder die Prozesse in der - immerhin FDP-nahen - StudentInnenorganisation LSD sowie in den Gewerkschaften, welche das Bündnis mit dem SDS ermöglichten, war ihnen zu wenig bekannt. Susanne Schäfer von der Bochumer attac-Campusgruppe und Vertreterin des Attac-Netzwerks im Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (ABS) wies darauf hin, dass gerade die Hochschulgruppen des Attac-Netzwerks geeignet seien, sich die Stärken des historischen SDS zu eigen zu machen: „Attac-Campusgruppen sind Bündnisfähig und Parteiunabhängig. Und je mehr studentische Protestkomittees und Boykottinitiativen das Protestieren gegen Studiengebühren übernehmen kann das Attac-Netzwerk auch an den Hochschulen seinem Anspruch gerecht werden, auch Bildungsbewegung zu sein.“

Vergleich SDS – DieLinke.SDS

Ergänzend berichtete ein Teilnehmer von den Eindrücken, die er auf einem Kongress des neugegründeten, der Partei „DieLinke“ nahestehenden StudentInnenverbandes „DieLinke.SDS“ gesammelt hatte. Auch dem „neuen“ SDS sei Bündnispolitik sehr wichtig, was allerdings auf dem Kongress in erster Linie dadurch zum Ausdruck gekommen sei, dass verbündete Organisationen auf dem Kongress eigene Veranstaltungen für eigene Leute durchgeführt hätten. Auch Initiativen des neuen SDS, die sich unter die Stichworte Aufklärung/Selbstaufklärung zusammenfassen ließen, seien auf dem Kongress zu beobachten gewesen: Der neue SDS habe beschlossen, mit Hilfe eigens auszubildender TutorInnen zweisemestrige Kurse zur Lektüre des „Kapital“ von Karl Marx durchzuführen. Die stieß auf skeptische Nachfragen. Ob es da nicht neuere Texte gebe? Thorsten Koska steuerte zu der Diskussion unter anderem den Hinweis bei, dass es dem historischen SDS nie gelungen ist, zentral geplante Schulungsprogramme zu erstellen. Entsprechende Anläufe endeten stets ohne Einigung im Streit. Für Erheiterung sorgte die Schablonenhaftigkeit, mit der Teile des neuen SDS dem untergegangenen Namenspatron nacheifern wollten: Auch der neue SDS müsse rasch eine Förderungsgesellschaft gründen, um für den Fall eines Ausschluss aus der Mutterpartei gewappnet zu sein, wurde in Redebeiträgen gefordert.


Abschließend gilt der Dank der VeranstalterInnen neben Thorsten Koska der Bochumer esg für die diskussionsfördernden Räumlichkeiten und der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW für die finanzielle, organisatorische und inhaltliche Unterstützung. „Die NRW-RLS hat sich als Forum für Austausch und Kooperation von parteinahen und ausserparlamentarischen AktivistInnen bewährt und gibt zu großen Hoffnungen Anlaß“, so Susanne Schäfer von attac campus Bochum.
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Der Vietnam-Krieg & die Bewegung der Deserteure

100_0160Der Film »Sir! No Sir!« ist eine Art Zeitmaschine. Kriegsveteranen berichten über die massenhafte Verweigerung und den Widerstand unter den US-amerikanischen Soldaten während des Vietnamkriegs. Anfangs waren es Einzelgänger, die öffentlich erklärten: Wir gehen nicht nach Vietnam! Was von wenigen Deserteuren und einzelnen »Nein!«-Sagern ausging, wurde zum »militärischen« Massenprotest gegen den Vietnamkrieg, im Verein mit der Anti-Kriegsbewegung, zu deren Hauptaktivisten bald auch Soldaten und Veteranen zählten.

Auf dieser Filmvorführung am 4. Juni 2008 in Essen, war auch ein Protagonisten des Films, der Vietnam-Veteran Stephen Summers anwesend. Er hat über die damaligen Ereignisse berichtet und sich den Fragen des Publikums gestellt.
Einige Facetten daraus waren: Dass er bereits zwei Tage vor seinem Antritt nach Vietnam auf einer Anti-Kriegsdemonstration war und mit einer Neugier darauf „wie es denn nun wirklich ist“ abgereist ist. Dass er nur drei Monate dort war und dann bereits verhaftete wurde. Dass er gar nicht weiß, wie er das macht, sich diesen Film mit seinen unglaublichen Tatsachen immer und immer wieder anzusehen. Er ist auch heute noch in der Anti-Kriegs-Bewegung aktiv und unterstützt Deserteure aus dem Irak-Krieg. Zwar hat es inzwischen einige Verbesserungen gegeben, aber immer noch viel zu wenige – Summers sieht die Hoffnung für die Unterstützung der Deserteure in der Solidarität der Bevölkerung.
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Frigga Haug: "Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse"

Frigga Haug über 68erinnen, das Verhältnis der Frauenbewegung zur Arbeiterbewegung, Erinnerungsarbeit und die 4-in-1-Perspektive für eine neue Linke
von Bernd Barenberg
auszugsweise im Artikel in der jungen Welt vom 8. März: "Tote Bewegung?"

Die Erfolge der 2. Frauenbewegung seit 68, zu der Frigga Haug von Anfang an gehörte, sind heute weitgehend institutionalisiert und ins Selbstverständnis des Alltags eingegangen. „Heute gibt es keine Frauenbewegung.“ Mit dieser kontroversen These eröffnete Frigga Haug am 5. März eine Veranstaltung zum Thema „Die 68erinnen und Politik als Männersache“ in Essen, organisiert durch die Rosa Luxemburg Stiftung und den örtlichen Club.

Frigga2„Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen“, wie einengend der Alltag für Frauen in Adenauer-Ära und Fordismus gewesen sei: Reduziert auf die Rolle als Hausfrau und Mutter, im Modell des männlichen Ernährers, gab es keinen Raum, wo Frauen unter sich waren. „Abends allein auf der Straße, nur mit Frauen reisen oder in die Kneipe oder gar rauchen. Undenkbar.“ Das änderte sich plötzlich: „Ich hatte noch nie so viele Haare in einem Raum gesehen.“ Und Bewegung ist ansteckend. „Wir haben abgetrieben“ erfuhr tausendfachen Widerhall, ihre Kongresse waren „göttliche Feste“, Frauengruppen entstanden überall, stärkten sich gegenseitig, zeigten sich und der Gesellschaft, wozu sie imstande waren, ein „Buschfeuer“ war entfacht. „Bewegung ist, wenn ihr nach der Veranstaltung eine Gruppe gründet und aktiv werdet. Und nicht, weil ich so überzeugend war, sondern weil Bewegung ist.“

Frauen organisierten sich, weil sie trotz beginnender politischer Aktivität im SDS plötzlich in der Falle saßen: Ihre private Lebenssituation mit Kind wurde schnell zur politischen Frage, und weil von den männlichen Kollegen ignoriert, flog die Tomate. Sie traf. Mit provozierenden Aktionen wurden sie zum „Bürgerschreck“, in der Kinderladenbewegung machten sie ihre Lebensumstände zum Ausgangspunkt der Politik und immer wieder das Ringen um die Theorie: Wenn das Patriarchat durchgängig ist, auch in der Arbeiterbewegung, warum wehren sich Frauen dann nicht stärker?

„Frauen – Opfer oder Täter?“ fragte sich Frigga Haug, um dem Patriarchat auf die Schliche zu kommen, auch von Frauen reproduziert, aber frauenbewegte Täterinnen verlangt um aus den „Jammerdiskursen“ herauszukommen.

Frigga1In Erinnerungsarbeit sollten sie die Punkte ihrer Anpassung und Einwilligung ausfindig machen, um das zu ändern. Gegen die Marginalisierung der Frauenfrage hält sie fest: „Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse“.
Solange die Mittel zur Reproduktion des Lebens zum alleinigen Zweck verkehrt sind, kann es keinen Sozialismus geben. Antikapitalismus ist feministisch. „DieLinke macht sich unglaubwürdig, wenn sie sich feministisch nennt, aber eine männliche Doppelspitze hat und Feminismus als Anhängsel begreift.“ Frigga Haugs 4-1-Perspektive geht weit über das Feld der Politik hinaus – neben Lohnarbeit, Reproduktion und Kultur ist sie nur eine von vier Tätigkeiten, die eine neue Linke sich aneignen muss.

Auch den Männern sei zugerufen: „Von dir ist die Rede“ (Karl Marx). Ohne sich selbst zu ändern ist keine gesellschaftliche Veränderung möglich. „Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.“ (Peter Weis)

Das Stellvertretermodell der Politik wird infrage gestellt. Auf die Frage aus dem Publikum, wo bei der kapitalistisch-patriarchalen Gesamtscheiße denn anzufangen sei, lautet die Antwort: „Da wo es dich betrifft!“

Also ‚Männer an den Herd’ und in die Kinderbetreuung, mehr Zeit für Kultur und sozialen Austausch, selbstbewusste Ernährerinnen und Kritik am Zeitregime der Politik. Denn wir wollen jetzt anders leben, nicht erst in einem Jenseits des Sozialismus!
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